Buch-Tipp: „Ich will dich verstehen“

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Familienaufstellungen für Pferde? Die Idee einer Aufstellung und dem systemischen Ansatz grundsätzlich, ist mir als Psychotherapeutin nicht fremd. Es allerdings auch für Pferd-Mensch-Probleme einzusetzen oder um Verhaltensweisen und Krankheiten des eigenen Pferdes besser zu verstehen, hat mich dann doch überrascht.

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Das Buch „Ich will dich verstehen – Familienaufstellungen für Pferde“ von Angelika Hutmacher, ist im Cadmos Verlag erschienen. Die 128 Seiten ließen sich sehr gut und flüssig lesen und ich verschlang es innerhalb eines Nachmittags.

Die Grundidee dahinter ist, dass unsere Pferde von den meisten Menschen wie ein Familienmitglied gesehen und behandelt werden. Daher können sie in einer therapeutischen Familienaufstellung einen ebenso wichtigen Platz einnehmen wie menschliche Familienmitglieder. Daraus weiter gedacht können auch die Probleme des Pferdes mit Hilfe einer Aufstellung betrachtet werden und so Muster, sogenannte Verstrickungen, erkannt und thematisiert werden.

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Der Leitsatz „Ich helfe dir, dir selbst zu helfen“ wird dazu im Buch genannt und formuliert in meinen Augen sehr griffig, was eine Aufstellung bewirken soll.  Die Verstrickungen oder auch „unausgewogene Familienzustände“ sollen in Verbundenheit umgewandelt werden. Dazu wird Belastendes, welcher Art auch immer, aufgezeigt und benannt, wodurch es zur Heilung der Verstrickung kommt.

Wir alle haben unsere eigenen Muster. Sie entstehen durch Erfahrungen, Traumata und sammeln sich seit der Geburt über das Leben hinweg an. Diese Muster tragen wir tagtäglich mit uns herum. Sie beeinflussen unser Denken und Handeln. Vieles bewahrt uns zum Beispiel davor, dieselben Fehler erneut zu machen. Einiges aber beeinflusst uns auch negativ, hemmt uns zum Beispiel. Viele dieser Muster sind uns nicht bewusst, auch hierbei können Aufstellungen sehr gut helfen.

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Unseren Pferden geht es nicht anders. Sie tragen ihr Päckchen an Mustern ebenfalls mit sich herum. Bei unserem Hobby prallen also nicht nur zwei Individuen verschiedener Spezies aufeinander, sondern jeder bringt auch noch einen großen Rucksack voll Muster mit. Dass hier Probleme fast schon vorprogrammiert sind, muss wohl nicht erklärt werden.

Aufstellungsarbeit kann demnach auch in Bezug auf pferdige Probleme in eigentlich allen Bereichen Anwendung finden. Traumatische Erlebnisse des Pferdes können gesehen und verarbeitet werden, die (psychische) Ursache von Krankheiten erkannt oder Probleme mit Artgenossen oder Menschen offen gelegt werden. Der große Unterschied zur Tierkommunikation ist hierbei, dass auch für das Pferd unbewusste Aspekte berücksichtigt werden, da der Aufsteller sich intensiv in die einzelnen Figuren einfühlt.

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Das alles mag für Menschen, die mit dem Thema Familienaufstellung und systemischer Arbeit bisher keine Erfahrungen gemacht haben, sehr befremdlich und unverständlich klingen. Ich möchte auch nicht abstreiten, dass man sehr offen und neugierig auf das Thema zugehen muss, um sich darauf einlassen zu können.

Begriffe wie Energie, Intuition, Unbewusstes und Einfühlen spielen eine sehr große Rolle und sind wissenschaftlich nur schwer greifbar zu machen. Vor allem Intuition ist eines der wichtigsten Werkzeuge bei einer Aufstellung, dazu muss man offen genug sein sie zuzulassen. Wir Menschen sind aber oft sehr bemüht mit dem Verstand zu entscheiden und „es richtig zu machen“. Darin sind uns die Pferde einen guten Schritt voraus, sie entscheiden fast immer rein aus Intuition. Auch deshalb sind Tiere ein ganz toller Bereich für therapeutische Arbeit.

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Das Buch stellt viele verschiedene Beispiele vor, in denen Aufstellungsarbeit Pferd und Besitzer geholfen hat. Von unerklärlicher Lahmheit und Kolikanfälligkeit, über Koppen, hin zu klemmigen Bewegungen unter dem Sattel oder dem Abschied für immer. Es wird das breite Spektrum der Einsatzmöglichkeiten anhand dieser Beispiele anschaulich dargestellt und man bekommt einen Einblick wie eine Aufstellung abläuft, was dabei entstehen kann und was es bewirkt.

Das Buch möchte sowohl über das Thema Familienaufstellungen für Pferde allgemein informieren, als auch den Leser dazu anleiten, es selbst anzuwenden. Dabei wird klar, dass dies die größtmögliche Offenheit dem Pferd gegenüber verlangt, was gar nicht so einfach zu erreichen ist.

Die Beispiele im Buch helfen mir persönlich direkt eine offenere, respektvollere und auch liebevollere Sicht auf meine beiden Ponys zuzulassen. Ich bin dabei sonst sehr oft „verkopft“ und versuche immer rational über Probleme nachzudenken. Dank dem Buch wurde ich wieder mehr zu einer emotionalen Denkweise gestupst und damit hat sich mir sofort eine neue Dimension wieder zugänglich gemacht. Diese Dimension ist mir nicht fremd, aber sie gerät bei mir sehr gerne in den Hintergrund.

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Was das konkret für mich und die beiden Ponys bedeutet, würde nun den Rahmen hier sprengen, aber beim Nachdenken über Merlin und Faxe, kamen mir immer wieder Begriffe wie Wertschätzung und Dankbarkeit in den Sinn. Hier könnte der Schlüssel zu einigen Problemen liegen und ich möchte diese Idee auf jeden Fall weiter vertiefen!

Wie praktikabel Aufstellungen für den Leser des Buches danach im Alltag sind, vermag ich nicht abzuschätzen. Bei ernsthaften Problemen rate ich persönlich sich auf jeden Fall professionelle Hilfe zu suchen. Die Autorin bietet dies beispielsweise an und ich selbst habe die Erfahrung schon mehrmals gemacht, dass ein Außenstehender eine wertvolle Bereicherung sein kann. Dazu reichen oftmals schon eine einzelne Sitzung oder zumindest wenige Termine aus, um grundlegende Veränderungen zu erzielen.

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Das Buch öffnet, wenn man sich darauf einlassen kann, den Blick und das Herz für mögliche Zusammenhänge um die Pferd-Mensch-Beziehung herum. Sich dem bewusster zuzuwenden im Alltag, ist für jeden von uns umsetzbar und absolut empfehlenswert. Ganz ähnlich bin ich darauf bereits schon einmal in meinem Artikel „Zeit zu zweit“ eingegangen.

Mein persönliches Fazit: ein absolut lesenswertes Buch! Auch ohne psychotherapeutische Vorkenntnisse sehr gut verständlich und wirklich mal etwas neues auf dem Büchermarkt in meinen Augen. Die vielen tollen Beispiele berührten mich beim Lesen sehr, aber man muss sich auf die Art des Denkens, Fühlens und Probleme-Betrachtens einlassen können und bereit sein, sich dem zu öffnen. Für mich ist es sehr nah dran an der Tierkommunikation. Sozusagen eine Erweiterung der Tierkommunikation, um die Idee des systemischen Ansatzes und daraus folgenden verhaltenstherapeutischen Ansätzen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Autorin mir hierfür gerne eins auf den Deckel geben würde!

Vielen Dank an Angelika Hutmacher für die Bereitstellung dieses tollen Buches!

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