Diagnose “Kissing Spines”

Gastbeitrag von Yvonne Odermath:

Allgemeine Anatomie

Kissing Spines bzw. das Kissing Spines Syndrom, kurz KS heißt wörtlich übersetzt Küssende-Dornfortsätze-Syndrom. Die Dornfortsätze sind die knöchernen Teile der Wirbelsäule, die man ab dem Widerrist bis zur Kruppe oben am Rücken des Pferdes spüren kann. Sie sind dünne Verlängerungen jedes einzelnen Wirbelkörpers und bilden beim Pferd den Widerrist sowie die Oberlinie. Sie können sogar bis zu 20cm lang sein. Die Dornfortsätze des Pferdes sind zudem bis zum 15. Brustwirbel (hintere Sattellage) nach hinten geneigt, dann sind sie nach vorne geneigt. Das ist deshalb so, weil das Rücken-Nacken-Band, welches maßgeblich zum passiven Tragen des Kopfes beiträgt dort fixiert wird. Wären die Dornfortsätze nach vorne geneigt ( also die ersten 15 Stück), dann würde das Band dort nicht so gut ansetzen bzw. halten können, da ja durch das Gewicht von Kopf und Hals Zug auf die Dornfortsätze kommt.

Durch diese Konstruktion sind die Dornfortsätze gerade an der Stelle sehr dicht beieinander, wo sich die Neigung umkehrt, also circa ab dem 15. Brustwirbel. Auch deshalb findet sich KS häufig dort.

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Röntenbild eines Kissing Spines Pferdes – danke an Nina Schmitz von Outdashem Devon (https://www.facebook.com/outdashemdevon)

Kissing Spines – Definition

Als KS werden Veränderungen dieser Dornfortsätze bezeichnet. Diese können insofern verändert sein, als dass die Abstände zueinander zu klein sind (kleiner als 4mm) oder im schlimmeren Fall nicht mehr vorhanden sind. Oft kommt es in diesem Zusammenhang auch zu Umbauprozessen am Knochen, die Dornfortsätze verändern ihre Gestalt und können in den schlimmsten Fällen auch abgebaut werden. Diese Vorgänge gehen häufig, aber nicht immer, mit lokalen Entzündungen einher. Sowohl die Engstände selbst also auch die Entzündungen können starke Schmerzen verursachen. Die Dornfortsätze reiben bei Bewegung so dauerhaft aneinander und dies begünstig etwaige Entzündungsprozesse. Vor allem in schnelleren Gangarten, wie Trab und Galopp wird dies noch provoziert.

An den Knochenrändern entsteht durch die Reibung neues Material (wie bei Arthrose). Das kann auch dazu führen, dass die Dornfortsätze irgendwann miteinander verwachsen und somit unbeweglich werden. Das ist dann für das Pferd nicht mehr schmerzhaft.

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Foto: Yvonne Odermath und ihre Stute Contendra I

Der erste Verdacht – Symptome:

Die Krankheit KS hat viele Gesichter. Nicht jedes Pferd muss jedes Symptom haben, manche zeigen wirklich die ganze Bandbreite, andere wiederum zeigen gar nichts, obwohl per Röntgenbild die Diagnose KS gesichert ist. Im Umgang fällt oft auf, dass die betroffenen Pferde widersetzlich sind. Besonders beim Satteln, Gurten und Aufsteigen zeigen sie deutlich ihr Unwohlsein. Auch beim Putzen ist eine vermehrte Empfindlichkeit an den betroffenen Stellen festzustellen. Manche Pferde haben so starke Schmerzen, dass sie dauerhaft “miesepetrig” sind. Beim Reiten fällt ihnen die Biegung zu einer Seite deutlich schwerer, sie sind insgesamt nicht oder nicht mehr locker. Sie neigen zu Taktfehlern im Trab und Galopp und fallen öfter aus oder springen falsch oder im Kreuzgalopp an. Einige können sich nur schwer fallen lassen und drücken permanent den Rücken weg. Insgesamt sind sie weniger elastisch in ihren Bewegungen. Bocken, Steigen und andere Unarten dieser Art können auch vorkommen.

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Foto: Yvonne Odermath und ihre Stute Contendra I

Diagnose:

Treten einige dieser Symptome zusammen auf, sollte man sich Gedanken machen. Schlussendlich kann man KS nur per Röntgenbild eindeutig feststellen. Der Tierarzt röntgt im Normalfall und palpiert (tastet) den Rücken des Pferdes zusätzlich ab. Im Idealfall schaut er sich das Pferd auch in Bewegung und/oder unter dem Reiter an. In Großbritannien wird häufig auch die Szintigraphie oder auch die Thermographie benutzt, um Entzündungen sichtbar zu machen. Allerdings stehen Entzündungen nicht immer im direkten Zusammenhang zur Diagnose KS.

Wichtig ist, reine Muskelproblematiken vom Befund KS abzugrenzen. Das geschieht am einfachsten per Röntgenbild. Allerdings konnte insgesamt beobachtet werden, dass röntgenologisch weit mehr Pferde einen Kissing Spines Befund haben, als klinisch. Das bedeutet, dass nicht jedes Pferd, dass auf dem Röntgenbild Kissing Spines hat, auch Probleme damit haben muss. Weiterführend hierzu: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/5777/1/Holmer_Matilda.pdf

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Foto: Yvonne Odermath und ihre Stute Contendra I

Diagnose Kissing Spines – Was nun? – Behandlung:

Oftmals hört man, dass KSler unreitbar sind. Doch diese Behauptung ist schlicht falsch. Mit dem richtigen Training, der richtigen Reitweise und dem richtigen Tierarzt können vielen KSler wieder geritten werden. Zwar wird nicht jeder eine strahlende Karriere als Dressur- oder Springpferd anstreben können, aber für den Freizeitbereich reicht es allemal. Aber auch im Spitzensport gibt es viele KSler. Oftmals bleiben sie auch unerkannt, weil sie nie Symptome zeigen.

KSler sollten viel vorwärts-abwärts geritten werden, damit sich die empfindlichen Dornfortsätze auseinander bewegen. Wichtig ist, dass sich die Pferde reell über den Rücken bewegen und lernen ihr Rücken-Nacken-Band so zu verwenden, dass sie die betroffenen Dornfortsätze entlasten. Ebenfalls wichtig ist, dass KSler immer im Training sind, damit die Bauch- und Rückenmuskeln immer stark genug sind, um die knöchernen Defizite auszugleichen. Manchen Pferden hilft zusätzlich eine Cortiosoninjektion (Achtung, stark erhöhte Rehegefahr!). Diese kann auch bei Bedarf einmal im Jahr wiederholt werden. Sie macht aber nur Sinn, wenn auch Entzündungen vorhanden sind. Sind die KS “alt” und eventuell sogar verknöchert, machen Cortiosoninjektion wenig Sinn.

In Großbritannien haben sich außerdem zwei OP-Methoden etabliert. Bei der konservativen Methode werden die betroffenen Dornfortsätze einfach abgeschliffen, bis die Abstände dazwischen wieder ideal sind. Die zweite Methode, der sogenannte Ligament-Snip ist noch neuer. Hierbei werden die Interspinalbänder, also die Bänder zwischen den Dornfortsätzen durchgeschnitten. Dadruch können sich diese weiter voneinander wegbewegen und die Abstände normalisieren sich. Diese OP wird auch in Deutschland von einem KS-Spezialisten durchgeführt. (http://www.sport-horse-vet.de/ – Florian Hörmann )

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Foto: Yvonne Odermath und ihre Stute Contendra I

Woher kommt Kissing Spines – Ursachen:

Zuletzt werfen wir noch einen Blick auf die Ursachen von Kissing Spines. Bisher konnte noch nicht vollständig geklärt werden, woher KS kommt, wie und wann es sich entwickelt. Fest steht, dass eine falsche, brutale Reitweise, die das Pferd zwingt, den Kopf in einer “ungesunden” Position zu halten, die Entstehung von KS fördern kann. Dabei ist es irrelevant, ob das Pferd den Kopf an die Brust gezogen bekommt oder wie eine Giraffe umherstolziert. Beides ist eine starke Belastung für den Bewegungsapparat und kann dazu führen, dass aus Muskelverspannungen irgendwann auch knöchernen Veränderungen resultieren. Ebenso fördert die extensive und vor allem frühe Nutzung im Sport die Entstehung. Spitzenpferde aus Springen, Dressur und dem Rennsport sind betroffen. Vor allem unter Englischen Vollblütern ist KS weit verbreitet. Ebenso kann die Nutzung als Zuchtstute ohne adäquate Muskulatur fördernd einwirken.

Allerdings scheint Kissing Spines auch eine erbliche Komponente zu besitzen. Es gibt Pferde, welche nie geritten wurden und trotzdem schon in jungen Jahren Kissing Spines entwickeln. ( Wie auch mein eigenes Pferd).

Festzuhalten ist, dass Kissing Spines eine sehr individuelle Erkrankung ist und nicht immer die Unreitbarkeit des Pferdes bedeutet. Nicht jedes Pferd mit einem Röntgenbefund muss auch wirklich  krank sein oder Schmerzen haben. Auch die schwere des Röntgenbefunds gibt keine Auskunft darüber, wie stark das jeweilige Pferd betroffen ist. Es bleibt immer eine individuelle Sache und gerade deshalb ist es Aufgabe des Besitzers, sich so gut wie möglich über KS zu informieren. Nur dann ist gewährleistet, dass man Symptome der Krankheit richtig deutet und von anderen Problematiken differenzieren kann. Denn es gilt: Jeder hat das Recht auf mehr als eine Krankheit!

Vielen Dank an Yvonne Odermath und ihre Stute Contendra I für den tollen Gastbeitrag.

Ich freue mich sehr, dass sich jemand bereit erklärt hat ausführlich über das Thema Kissing Spines zu informieren. Immer wieder bekomme ich sowohl in Reitställen, als auch im Internet, die wildesten Gerüchte rund um das Thema mit. Umso wichtiger ist es, sich darüber zu informieren.

Die Probleme entstehen in erster Linie durch eine Erschlaffung der Haltestrukturen im Rückenbereich. Dies kann durch falsches oder zu frühes Reiten begründet sein, aber auch durch ein falsches Bewegungsmuster oder Übergewicht des Pferdes begünstigt werden, sowie im Lauf des regulären Alterungsprozesses auftreten. Umso wichtiger ist es, die stabilisierende und unterstützende Muskulatur vernünftig aufzubauen und auch bis ins Alter hinein zu halten. Nur so kann man vernünftig vorbeugen in meinen Augen.

 

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