Durchbruch im Mulitraining?

Es ist ja schon etwas länger her, dass ich euch ausführlich über die Zusammenarbeit mit Trylle berichtet habe, daher gibt es heute mal ein kleines Update. Zumal ich das Gefühl habe, wir haben die letzten Tage nochmal einen großen Fortschritt machen können.

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Trylle ist ja nun gute 5 Jahre alt und darf an die regelmäßige Arbeit herangeführt werden. Ich würde ihn eher als Spätentwickler einschätzen, daher hat er viel Zeit von mir bekommen. Er sollte in Ruhe ankommen und den Alltag mit raus- und reinbringen, füttern, misten usw. ganz in Ruhe kennen lernen und sich daran gewöhnen. Das hat ihn sehr gestresst und auch sehr lange beschäftigt, jede Änderung verunsichert ihn wieder. Ich denke das wird auch immer so bleiben, aber zumindest ist er nun angekommen und hat seine Freunde gefunden, sowie mich und die anderen Menschen in seinem Umfeld in Ruhe kennengelernt.

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Nach 6 Monaten hatte ich bereits mal ausführlicher berichtet, mittlerweile hat er sich immer weiter positiv entwickelt. Das Halftern, auch von anderen ihm vertrauten Frauen, klappt mittlerweile sehr gut. Auch raus- und reinbringen von diesen ist total entspannt und zuverlässig möglich. Das entlastet mich schon mal sehr, da ich nicht mehr zweimal am Tag dafür selbst kommen muss.

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Bisher sah unsere Woche immer so aus, dass er 1-2 Mal die Woche wirklich was gearbeitet hat an der Longe, die restlichen Tage Spaß wie Freiarbeit, erste Zirkustricks und kleine Spaziergänge auf dem Plan standen und er auch immer ein paar Tage zwischendrin komplett frei hatte. So kamen wir in sehr kleinen Schritten vorwärts und hatten auch so manchen Rückschritt dabei, die natürlich einerseits einfach dazugehören und zu erwarten waren, andererseits aber oft keinen Sinn gemacht haben aus meiner Perspektive. Wieso klappt nach so langer Zeit plötzlich an einem Tag das Hufe geben gar nicht mehr? Es ist definitiv niemand anderes an ihm dran… Verstehen werde ich das wohl nie.

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Auf jeden Fall hat es sich mehr oder weniger zufällig ergeben, dass er die letzten Tage nun auf einmal sehr kontinuierlich gearbeitet wurde. Geradezu täglich. Wir übten das Longieren auf dem Stoppelfeld, einfach weil eine andere Location als der Platz ihn schon total aus dem Konzept brachte. Ich fing an ihn an eine Schabracke und einen elastischen Deckengurt zu gewöhnen, das schlimmste dabei ist das an- und ausziehen. Einmal dran ist es kein Problem für ihn. Wir nutzten bei fast jeder Gelegenheit Schabracke mit Gurt. Er lernte Stangen, Cavaletti und Hütchen kennen und absolvierte die ersten Einheiten Stangenarbeit und kleine Sprünge. Er wurde jeden Tag geputzt, nicht super aufwendig, sondern so wie ich die anderen auch sauber halte. Abbürsten und Hufe auskratzen. Nach den Einheiten haben wir zum Abschluss oft noch wenige Minuten Zirkustricks geübt oder sind Grasen gegangen.

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Kurz gesagt, er wurde wie ein normales junges Pferd gearbeitet. Fast täglich. Sein Kopf wurde jeden Tag gefordert und gefördert. Und es tut ihm offenbar unheimlich gut! Er brummelt immer wenn ich komme, steht als erster am Zaun und will was unternehmen. Er ist so kooperativ wie noch nie, geradezu aufgeschlossen. Und er sieht körperlich schon wirklich besser aus finde ich. Nicht mehr so dick und das Fell ist super schön geworden.

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Der große Durchbruch kam für mich gefühlt beim letzten Longieren. Ich hatte ihn mit Kappzaum auf den Platz geholt und mir vorgenommen, ganz unvoreingenommen vorzugehen. Wir haben unseren Deal miteinander gefunden und halten uns recht ordentlich daran. Ich zuverlässiger als er, aber so grob kommt das hin. Ich weiß wie er tickt und lasse ihn in vielen Bereichen daher in Ruhe. Er wird ein bisschen mit Samthandschuhen angefasst bisher, muss man wohl ehrlich sagen. Es ging mir nun also nicht darum grob oder sonst was zu werden, niemals. Aber ich wollte ihm mal begegnen, als würde ich ihn nicht wirklich kennen.

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Ich ließ ihn also einige Runden im Schritt außenherum warm laufen an der Longe. Normalerweise würden wir dann die anderen beiden Gangarten dazu nehmen und dabei möglichst auf dem Zirkel bleiben, oft wurde es dann nämlich eher ein großes Ei. Gangartenwechsel klappten, dauerten aber oft eine gute halbe Runde. Er kam schnell ins Rennen, vor allem im Trab und kippte dann stark auf die innere Schulter. Ein junges, unerfahrenes Muli halt. Doch diesmal machte ich es anders: Ich nahm die Longe langsam wieder auf und fing an ihn so zu arbeiten, wie ich es mit den anderen beiden sonst auch mache.

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Ich forderte ein bisschen Stellung und schließlich auch Biegung im Schritt auf einem recht kleinen Zirkel. Und siehe da, er macht das super schön! Also nahm ich ihn noch etwas mehr auf und durch meine Körpersprache konnten wir ein wirklich sehenswertes Schulterherein auf beiden Händen erarbeiten. Schließlich auch noch das Übertreten auf beiden Seiten. Er ist super super fein dabei, das ist der große Unterschied für mich. Während Merlin sich bei sowas gerne auf die innere Schulter fallen lässt und man schon mal mit der Hand oder Gerte deutlich unterstützen muss, reagiert Trylle auf einen kleinen Blick oder das Zeigen mit dem Finger auf die Schulter aus gut einem Meter Entfernung.

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Trylle hat ein Problem mit Nähe, das war am Anfang ganz schlimm. Nun hat es sich deutlich gebessert, aber noch immer ist er sehr auf seinen Individualabstand bedacht. Ich gehe davon aus, dass der noch weiter abnehmen wird, wenn wir weiter zusammen arbeiten, aber gleichzeitig kann man so auch schon sehr fein mit ihm arbeiten! Weiter ging es dann im Trab, auch hier forderte ich ein wenig Stellung und Biegung und das Muli schnurrte um mich herum. Kein Gerenne, dafür endlich wirklich aktive Hinterbeine und eine ganz gerade Spur. Kein Wegdriften über die Schulter mehr.

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Aus der Biegung im Trab heraus galoppierte ich ihn an. Er fand direkt in den richtigen Handgalopp und dadurch, dass er diesmal nicht so hineingerannt war, sah auch der Galopp sehr schön rund aus. Schon nach wenigen Sprüngen parierte ich ihn wieder durch und forderte wieder verstärkt korrekte Biegung im Trab. So galoppierte er auf beiden Händen schließlich einige Male, aber immer nur kurze Strecken. So dass er es kräftemäßig halten konnte, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren. Es waren auch ein paar Außen-, Kreuz- und merkwürdige Varianten vom Galopp dabei. Aber hey, er kann ja nicht direkt alles perfekt können!

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Der Weg fühlt sich auf jeden Fall sehr richtig an. Er war so motiviert und bemüht, dabei aber auch ganz ruhig und entspannt, so habe ich ihn noch nicht erleben dürfen. Insgesamt waren wir nur knapp 20 Minuten beschäftigt und ich beendete die Einheit nochmal mit ein paar Schritten Schulterherein und Übertreten. Schließlich zog ich ihm den Kappzaum aus und entließ ihn, damit er sich nochmal wälzen konnte oder sowas.

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Er blieb bei mir stehen und drückte seinen Kopf vorsichtig gegen mein Bein. Bei jedem anderen hätte ich es wohl frech gefunden, aber es ist für ihn etwas ganz besonderes so eine Nähe nicht nur zuzulassen, sondern sogar selbst herzustellen. Ich kratzte ihn am Kopf und er genoss es sehr. Schließlich durfte ich seine Ohren anfassen, als ob es total selbstverständlich wäre. Er stand frei  neben mir und ließ sich die Ohren kraulen. Die heiligen Ohren, die man bis gestern noch niemals nie anfassen durfte! Ganz entspannt schnaubte er nochmal ab und trottete dann frei neben mir her zum Ausgang. So einfach kann Glück sein.

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Ich habe also das Gefühl, das ihm die regelmäßige Arbeit sehr gut tut. Es ist immer abwechslungsreich und es wird sicher auch immer wieder ein freier Tag dabei sein, aber ich möchte ihn jetzt gerne verstärkt ins Training nehmen. Einfach damit alles langsam so herrlich normal wird. Er möchte ernst genommen werden, so wie er ist, mit seinen individuellen Wünschen und Problemen, da bin ich mir sicher. Aber er will auch die Welt entdecken und lernen und Spaß haben. Und das werden wir jetzt ganz viel zusammen machen!

6 Gedanken zu “Durchbruch im Mulitraining?

  1. Liebe Lina

    Ich finde es super, dass du über dein Training mit deinem mulimann schreibst. Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich und schön zu lesen. Für viele Mulis ist Nähe und dadurch Halfter anzuehen, putzen etc eine Recht schwere Sache. Ich kenne ein kleines, 5 jähriges muli, welches jetzt schon mindestens 6 Besitzer hatte und mit Halftern und stricken nur schlimmes verbindet wie etwa Hänger fahren und in eine völlig fremde, neue Umgebung kommen. Wenn man nichts von ihm will und sich mit den anderen beschäftigt, kommt er dann auch irgendwann von sich aus auf einen zu und möchte betuddelt werden.

    Bitte berichte weiter von deinem tollen Muli!!!
    Ich bin tryllefan

  2. […] „Pferd sein“ dürfen mit seinen Kumpels eingebaut. Wir sind aber nun mal auch nicht andere und Trylle kein normales Jungpferd, sondern eben ein Muli. Das ist die größte Erkenntnis und auch die Aussöhnung mit diesem Zustand […]

  3. […] Trylle stand heute Longenarbeit auf dem Platz an. Ich hatte in diesem Beitrag schon mal beschrieben, dass ich versuche ihn so normal wie möglich zu behandeln und nicht mehr […]

  4. Hallo,
    nun muss ich mal einen Kommentar hinterlassen. Ich mag Deinen Blog wirklich sehr, besonders bezaubernd finde ich allerdings Trylle. Toll wie er sich gemacht hat und wie schön du mit ihm arbeitest! Ich freue mich, wenn die öfter von ihm berichtest. Er sieht wirklich richtig toll aus.
    Liebe Grüße Steffi

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